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Der „Lernort Garnisonkirche“ ist eingerichtet:
räumlich und digital

Lernort-Garnisonkirche
Wir laden herzlich  ein zum Besuch des Lernorts Garnisonkirche im Kunst- und Kreativhaus Rechenzentrum, Dortustraße 46, 14467 Potsdam.

Der Lernort Garnisonkirche im Rechenzentrum ist Montag bis Freitag von 8:00 bis 20:00 Uhr geöffnet.
Ein Besuch am Wochenende ist auf Anfrage möglich unter: besuch@lernort-garnisonkirche.de

Die Martin-Niemöller-Stiftung und die Universität Kassel haben mit mehreren Potsdamer Initiativen direkt am historischen Standort der Garnisonkirche Potsdam einen Lernort eingerichtet, der kontinuierlich über die Geschichte des Ortes aufklären und über die oft verschwiegenen und verdrängten Dimensionen dieser Kirche sowie des Wiederaufbauprojekts informieren wird.Der Lernort widmet sich in seiner ersten „Ausgabe“ den rechtsradikalen Einschreibungen in das in den 1980er Jahren initiierte Wiederaufbauprojekt des Garnisonkirchturms. Dem liegt eine einjährige Forschung in einer Reihe von Archiven zu Grunde, die auch die Hintergründe des umstrittenen Iserlohner Glockenspiels erhellt, das im September 2019 nach 28-jährigem Betrieb auf Grund seiner rechtsradikalen Inschriften von der Stadt Potsdam abgestellt wurde.

Den digitalen Lernort finden Sie unter

https://lernort-garnisonkirche.de

 

 

Die Geschichtsvermittlung der Stiftung Garnisonkirche Potsdam und der Fördergesellschaft für den Wiederaufbau der Garnisonkirche

Download:

2017-10Gutachten2.0_Geschichtsvermittlung

Gutachten

 

Martin-Niemöller-Stiftung

Projektgruppe „Geschichtsort ehemalige Garnisonkirche Potsdam“
Gerd Bauz, Hermann Düringer, Christine Madelung,

Hans Misselwitz, Ursula Schoen, Claudia Sievers

Wiesbaden, September 2017

 

Inhaltsverzeichnis

 

  1. Die Zielstellung
  2. Die Methode
  3. Die Angebote der Stiftung Garnisonkirche Potsdam / Fördergesellschaft für den Wiederaufbau der ehemaligen Garnisonkirche zur Geschichtsvermittlung
  1. Der Wahrheitsgehalt der Geschichtsvermittlung

4.1. Das Online-Angebot

4.2. Die Zeitschrift „Potsdamer Spitze“

4.3. Die Ausstellung

  1. Fehlstellen und „weiße Flecken“
  2. Fazit
  3. Handlungsempfehlungen 13

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Schandmal oder Mahnmal? Der Streit um die Potsdamer Garnisonkirche

Abendveranstaltung in der Evangelischen Akademie Frankfurt, Römerberg 9
Termin: 11.9.2017 um 19 Uhr

Der Wiederaufbau der zerbombten und gesprengten Potsdamer Garnisonkirche scheint beschlossen, aber die öffentliche Debatte darüber ist noch keineswegs beendet. Die Garnisonkirche gilt als Symbol des preußischen Militarismus, wurde sie doch vom „Soldatenkönig“ Friedrich Wilhelm I. für sein Militär erbaut. Hier fand 1933 der „Tag von Potsdam“ statt, an dem der Schulterschluss von Reichskanzler Hitler und Reichspräsident von Hindenburg inszeniert wurde. Der Tag von Potsdam diskreditierte die Garnisonkirche in den Augen vieler Menschen, die sich für Frieden und Abrüstung einsetzen. Wie kann an diesem Ort ein Mahnmal des Friedens gestaltet werden?

Referierende:
Dr. Martin Dutzmann, Bevollmächtigter des Rates der EKD, Mitglied des Kuratoriums Garnisonkirche Potsdam;
Prof. Dr. Manfred Gailus, Zentrum für Antisemitismusforschung, TU Berlin;
Michael Karg, Vorsitzender der Martin-Niemöller-Stiftung, Wiesbaden
Leitung:
Dr. Eberhard Pausch, Evangelische Akademie Frankfurt
Mitveranstalter: Martin-Niemöller-Stiftung

Eintritt frei

 

Anmeldung erbeten bis 04. 09. 2017:
Ulrike Obut
T +49 (0) 69 . 17 41 526-16 obut@evangelische-akademie.de

Foto: Carl Hasenp ug / Wikimedia Commons

Gutachten zum Nutzungskonzept für den Erinnerungsort „Potsdamer Garnisonkirche“

Lesen Sie das vollständige Gutachten hier:
2017-05NutzungskonzeptGarnisonkircheGutachten

 

ZusammenDresden4fassung:

 

Wie umgehen mit einem der „wichtigsten Geschichtsorte Deutschlands“?

Die Martin-Niemöller-Stiftung legt für die weitere Auseinandersetzung um den Erinnerungs- und Gedenkort Garnisonkirche Potsdam ein Gutachten zum Nutzungskonzept vor.

Untersucht wird darin, wie die Stiftung Garnisonkirche Potsdam, der das Grundstück gehört und die dort eine Rekonstruktion des historischen Gebäudes errichten will, konzeptionell vorgeht. Im zweiten Teil wird dieses Herangehen mit anderen Erinnerungsorten verglichen, u. a. der Topographie des Terrors Berlin, der Gedenkstätte Deutscher Widerstand Berlin, dem NS-Dokumentationszentrum München.

 

Zusammenfassend werden folgende Feststellungen getroffen:

„Das aktuelle Nutzungskonzept der Stiftung Garnisonkirche Potsdam wird den Ansprüchen an diesen herausragenden Erinnerungsort nicht gerecht. Die größten Mängel des Konzeptes sind:

  • Für Veranstaltungen und Ausstellungen ist kein Geld eingeplant.
  • Für die Geschichtsvermittlung ist kein geeignetes Personal vorgesehen.
  • Die geplanten Räumlichkeiten sind für eine anspruchsvolle Geschichtsvermittlung zu knapp bemessen. Vor allem die Ausstellungsräume sind zu klein.
  • Es fehlt ein Wissenschaftlicher Beirat, der ein hohes wissenschaftliches Niveau der Arbeit sichern kann.
  • Das inhaltliche Konzept ist sehr vage und teilweise missverständlich, es bietet deshalb viel Raum für einen Missbrauch dieses Gebäudes für geschichtsrevisionistische Ziele.“ (S. 16)

Drei Folgerungen werden daraus abgeleitet:

„Nötig ist eine breite Diskussion über die Geschichtsvermittlung an diesem Ort und über die Schwerpunkte, die gesetzt werden sollen.“

„Nötig ist ein Neustart, bei dem insbesondere die politischen Parteien, die Parlamente und die Kirche in ihren verantwortlichen Gliederungen sich selbst umfassender einbinden.“

„Nötig ist zudem die Einbindung bisher fehlender, schwach vertretener oder abgewiesener Akteursgruppen aus Wissenschaft, Theologie, Erinnerungsarbeit, Zivilgesellschaft und Stadtbevölkerung.“ (S. 17)

Erstellt wurde das Gutachten von einer internen Projektgruppe der Martin-Niemöller-Stiftung. Ihr gehören zwei Theologen an, Hermann Düringer und Hans Misselwitz, zwei Organisationsentwicklerinnen, Christine Madelung und Gerd Bauz, und die Geschäftsführerin der Niemöller-Stiftung, Claudia Sievers. Gerd Bauz ist Mitglied des Vorstands.

Das Gutachten wurde den Bundesvorständen der im Bundestag vertretenen Parteien, dem Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland, einem breiten Kreis weiterer beteiligter Akteure und selbstverständlich der kritisierten Stiftung zugestellt.

Prof. Monika Grütters MdB, Staatsministerin für Kultur und Medien, erhielt das Gutachten, weil sie über Bundeszuschüsse in Höhe von 12 Millionen € mit zu entscheiden hat.

Im Zusammenhang mit dem beginnenden Evangelischen Kirchentag erhielten das Gutachten die Initiative „Christen brauchen keine Garnisonkirche“ und kirchliche Friedensgruppierungen. Schließlich ging das Gutachten an örtliche Bürgervereinigungen in Potsdam.

Wiesbaden, 23. Mai 2017                                                                  Claudia Sievers, Geschäftsführerin

Markus Wriedt:
„Mit Gott für König und Vaterland!“
Wilhelminische Predigten in und um die Garnisonkirche.[1]

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1. Einleitung

Kirche und Krieg implizieren einen diametralen Gegensatz, einen kontradiktorischen Zusammenhang. Zumindest ist das im Bewusstsein zahlreicher Zeitgenossen so verankert. Friedensinitiativen, Mahnungen gegen Krieg und Gewalt stehen auf den Erwartungslisten der gegenwärtigen Predigthörerinnen und Hörer ganz oben. Zugleich wissen auch viele Menschen um den fatalen Zusammenhang von Religion und Gewalt. In der Diskussion der letzten Jahre ist dazu eine These intensiv bearbeitet worden, wonach der Exklusivanspruch monotheistischer Religionen in besonderer Weise zu unkontrollierbarer Gewaltanwendung Anlass gibt. In diesen Zusammenhang scheint die Tatsache zu passen, dass Geistliche im Krieg nicht nur die Soldaten im Gebet begleiteten und ihnen in schweren Stunden der Verwundung, Genesung oder auch des Sterbens beistanden, sondern ihnen noch vor der Schlacht den Segen und die Bewahrung Gottes zusprachen, die Waffen segneten und den Sieg als eine religiöse Pflicht formulierten. Doch ist unser Empfinden diesbezüglich gespalten: Für die einen ist dies die staatsbürgerliche Pflicht des sich loyal zu seiner Obrigkeit verhaltenden Pfarrers, für die anderen reine Gotteslästerung.

Geht man freilich nur wenige Jahre in der Geschichte zurück, scheint das Verdikt gegen die christlichen Institutionen und die von ihnen gut geheißene Gewalt bestätigt zu werden. Besonders für das Ende des Kaiserreiches und den ersten Weltkrieg wird den Kirchen und hierbei besonders den eng in die Legitimationsideologie des Kaisertums eingebundenen protestantischen Kirchen ist es offenkundig, dass der kirchlich getragene Militarismus sich in unheilvoller Weise mit Nationalismus, Kolonialismus und Imperialismus sowie einem grotesken Chauvinismus verband und entscheidend zur „Urkatastrophe der Menschheit“ beigetragen.

Die historische Kontinuität reicht noch sehr viel weiter: bis in die Zeit der Reformation im 16. Jahrhundert zurück und in vielerlei Hinsicht auch noch darüber hinaus. Für die evangelischen Konfessionen gilt: Eng hatte sich die evangelische Reformation mit den säkularen Obrigkeiten verbunden und diesen mehr oder minder freie Hand bei der Durchsetzung moderner Staatlichkeit mit dem Segen Gottes gelassen. Aus der Interimslösung des sog. „Notbischofsamtes“ wurde das landesherrliche Kirchenregiment. Dass die so aufgewerteten Landesherren fernerhin das religiöse Argument auch zu politischen Zwecken gebrauchen würden, ist nicht weiter verwunderlich.  (mehr …)

Michael Karg: Begrüßung

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Das Projekt Garnisonkirche
Welches Zeichen will die Evangelische Kirche hier setzen?

Ein Zwischenruf aus Potsdam
Potsdam 18.-19.03.17

 

 

 

500 Jahre Reformation.

500 Jahre Befreiung des Gewissens des einzelnen aus obrigkeitlich-klerikaler Gängelung.
500 Jahre Befreiung des Individuums zu selbstverantwortlichem Handeln.
500 Jahre Befreiung auch der Kirche von Autoritäten, denen es weniger um Glauben als mehr um ökonomische Interessen ging.

Wie frei ist die Kirche, die evangelische Kirche seit 500 Jahren?

In welche Abhängigkeiten ließ sie sich (doch) hineindrängen –

Welche hat sie gerne angenommen in der Hoffnung, ihrerseits davon zu profitieren?

Es gibt historische Momentaufnahmen, an denen einiges davon abzulesen ist. Der Tag von Potsdam vor beinahe 84 Jahren war ein solcher Moment.

Aber es geht nicht um Momente oder Augenblicksaufnahmen, auch nicht um „Ausrutscher“, die vielleicht mal passieren können.

Es geht um die Frage, welcher Geist zu diesem und anderen Ereignissen geführt hat, und welchem Geist in Kirche, will sie ernsthaft Kirche Jesu Christi sein, Raum geben soll und muss.
Es geht auch um die Frage, welche Bauten und Denkmäler dieser Kirche Jesu Christi angemessen sind.

Kirchen sind Kirchen, und Steine können nichts dafür, wenn sie missbraucht werden.

Pflastersteine können als solider Straßenbelag dienen – oder als gefährliche Wurfgeschosse.

Im Krieg oder danach zerstörte Schlösser und Kirchtürme können ein historisches Stadtbild wieder entstehen lassen, zur Freude der Erbauer und Betrachter und mit der besten Absicht, ihnen einen neuen Geist einzuhauchen.

Es kann aber auch geschehen dass ganz andere sich dieser „Fassaden“ bemächtigen, um in einer „erinnerungspolitischen Wende“ diesen Fassaden einen „neuen, ehrlichen, vitalen, tiefbegründeten und selbstbewussten Patriotismus“ einzuhauchen und die Heutigen „mit den großartigen Leistungen der Altvorderen in Berührung (zu) bringen“ – so Björn Höcke in seiner Dresdener Rede. Kann man solch „feindlichen Übernahmen und Bemächtigungen“ verhindern, selbst wenn man es ehrlich will?

Es sind Fragen, die ich stelle, Fragen, die mich und viel andere hier bewegen.

Diesen Fragen wollen wir heute und morgen konzentriert nachgehen, im Hören, im Nachdenken im möglicherweise auch kontroversen Diskutieren.

Ich freue mich, dass Sie dies mit uns tun wollen und begrüße Sie noch einmal sehr herzlich im Namen der Veranstalter, der Initiative „Christen brauchen keine Garnisonkirche“ und der Martin-Niemöller-Stiftung e.V..

 

Hermann Düringer:
„Laßt uns einen Turm bauen…“

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Ein Zwischenruf aus Potsdam –
Impulsreferat von Dr. Hermann Düringer anläßlich der Tagung „Das Projekt Garnisonkirche – welche Zeichen will die Evangelische Kirchen hier setzen?“ vom 18.-19. März 2017

Liebe Tagungsteilnehmende,

was treibt uns aus Frankfurt am Main und dem Rhein-Main-Gebiet zu dieser Tagung nach Potsdam? Ein Kirchturm soll wieder aufgebaut werden, vielleicht sogar eine ganze Kirche. Das könnte ein lokal oder regional aufregendes Vorhaben sein. Aber es geht um die Garnisonkirche, und die, die solches vorhaben, erklären es – zu Recht – zur nationalen Angelegenheit. Ich will einige theologische und politische Motive benennen, die auch 500 km entfernt unsere Kritik am Wiederaufbau der Garnisonkirche, bzw. ihres Turmes hervorrufen. Ich hoffe, dass sie den Horizont für weitere gemeinsame Überlegungen eröffnen.

Ich nehme Bezug auf eine Urgeschichte der Menschheit, die uns im Alten Testament, der Hebräischen Bibel überliefert ist. Ich setzte die Geschichte vom Turmbau zu Babel als bekannt voraus. In ihr heißt es:

„Wohlauf, lasst uns eine Stadt und einen Turm bauen, dessen Spitze bis an den Himmel reiche, damit wir uns einen Namen machen; denn wir werden sonst zerstreut in alle Länder.“ (Gen. 11,4)

Wer immer in der Kirche einen Turm bauen will, sollte sich der biblischen Geschichte vom Turmbau zu Babel erinnern. Er sollte sich befragen und wenn er selbst es nicht tut – befragen lassen nach den Motiven seines Handelns – und er sollte auf den Ausgang des Unternehmens schauen.
Wir wissen, dass dieser Turm – die Archäologen nennen ihn Zikkurat – ein durch und durch religiöses Bauwerk war – was aber – wie die biblische Geschichte vermerkt – keineswegs per se bedeutet, dass es ein gottgefälliges Bauwerk war. Wir lernen aus dieser Geschichte, dass auch religiös motivierte Türme Ausdruck eines Irrwegs und menschlicher Hybris sein können. Eine Hybris, in der Menschen ihre Geschichte in die Hand nehmen wollen – und sie verfehlen. (mehr …)

Manfred Gailus:
1933 als protestantisches Erlebnis
und der „Tag von Potsdam“

 

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Vortrag von Prof. Dr. Manfred Gailus anläßlich der Tagung „Das Projekt Potsdam -Welches Zeichen will die Evangelische Kirche setzen?“ am 18./19. März 2017 in Potsdam 

 

 

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

der „Tag von Potsdam“, der sich in drei Tagen zum 84. Male jährt, war keine singuläre Entgleisung der Kirchen im fatalen Jahr 1933. Allenthalben war Hitlers Weltanschauung präsent in den Kirchen von 1933. Aber ein Alleinstellungsmerkmal hatte die kirchliche und zugleich hochgradig symbolpolitische Zeremonie vom 21. März 1933 in der Potsdamer Garnisonkirche doch: Es handelt sich um die einzige Kirche während der 12jährigen Nazi-Herrschaft, in der Hitler selbst eine Rede hielt. Gepriesen wurde der neue katholische Reichskanzler vielfach in den evangelischen Kirchen von 1933: Sehr häufig waren braune Uniformen und NS-Symbole wie das Hakenkreuz in Kirchen und Gemeindehäusern zu sehen; und gesungen wurden nicht nur Kirchenlieder, sondern nicht selten auch das Horst-Wessel-Lied. Gelegentlich befand sich am Altar neben dem Gekreuzigten auch ein Porträt Hitlers, den Angehörige der Deutschen Christen als einen von Gott gesandten Retter der Deutschen auch in Kirchen verehrten. Aber dass Hitler selbst eine Ansprache halten konnte in der Kirche – das kam, soweit bekannt, nur ein einziges Mal vor im „Dritten Reich“, eben an jenem denkwürdigen Tag in der Potsdamer Garnisonkirche, die nun, nach ihrer Zerstörung in Hitlers Krieg, erneut aufgebaut werden soll. (mehr …)

Matthias Grünzig:
„Der Geist von Potsdam“ gegen den „Geist von Weimar“

 

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Matthias Grünzig, Für Deutschtum und Vaterland. Die Potsdamer Garnisonkirche im 20. Jahrhundert. Berlin 2017
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Vortrag auf der Tagung „Das Projekt Garnisonkirche“ in Potsdam am 18.3.2017

 

Die Potsdamer Garnisonkirche ist durch den „Tag von Potsdam“ weltbekannt geworden. Weniger bekannt ist, dass die Garnisonkirche schon vor 1933 eine deutschlandweite Bedeutung hatte. Sie übte eine geradezu magnetische Anziehungskraft auf Nationalisten, Militaristen und Antisemiten aller Couleur aus. Mehr noch: die Potsdamer Garnisonkirche war der Symbolbau der extremen Rechten schlechthin. Hier fanden zwischen 1918 und 1933 über 80 politische Veranstaltungen statt, fast alle hatten eine rechtsradikale Tendenz.[2] Kaum ein Gebäude wurde so verehrt wie die Potsdamer Garnisonkirche. Sie galt als „heiliger Ort der Erinnerung“, als „Heiligtum Preußen-Deutschlands“, als „nationales Heiligtum für jeden Preußen“, als „Wallfahrtsort aller national denkenden und fühlenden Kreise“, als „Wallfahrtsort von Millionen Deutscher“ und als „Pilgerstätte“, in der „die vaterländisch gesinnten Kreise sich Stärkung für den Kampf um das echte Deutschtum suchen“.[3] Ich will in meinem Vortrag darstellen, weshalb gerade die Potsdamer Garnisonkirche diese Karriere machte und welche Konsequenzen daraus erwuchsen. (mehr …)

Christoph Dieckmann:
Menschentürme, Gottes Haus

Predigt über Genesis 11, 1 – 9 (Französische Kirche Potsdam, 19. März 2017) / Von Christoph Dieckmann

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1 Es hatte aber alle Welt einerlei Zunge und Sprache.
2 Als sie nun nach Osten zogen, fanden sie eine Ebene im Lande Sinear und wohnten daselbst.
3 Und sie sprachen untereinander: Wohlauf, laßt uns Ziegel streichen und brennen! – und nahmen Ziegel als Stein und Erdharz als Mörtel
4 und sprachen: Wohlauf, laßt uns eine Stadt und einen Turm bauen, dessen Spitze bis an den Himmel reiche, damit wir uns einen Namen machen; denn wir werden sonst zerstreut in alle Länder.
5 Da fuhr der Herr hernieder, daß er sähe die Stadt und den Turm, den die Menschenkinder bauten.
6 Und der Herr sprach: Siehe, es ist einerlei Volk und einerlei Sprache unter ihnen allen, und dies ist der Anfang ihres Tuns; nun wird ihnen nichts mehr verwehrt werden können von allem, was sie sich vorgenommen haben zu tun.
7 Wohlauf, laßt uns herniederfahren und dort ihre Sprache verwirren, daß keiner des anderen Sprache verstehe!
8 So zerstreute sie der Herr von dort in alle Länder, daß sie aufhören mußten, die Stadt zu bauen.
9 Daher heißt ihr Name Babel, weil der Herr daselbst verwirrt hat aller Länder Sprache und sie von dort zerstreut hat in alle Länder.

Im Herbst 1962 hörte ich erstmals vom Bauskandal zu Babel. Das geschah im Christenlehre- Unterricht, aus dem Mund der Katechetin. Fräulein Bosse, eine milde Gottesfreundin, reportierte uns Dorfkindern alles biblische Geschehen mit heilsgeschichtlicher Zuversicht, auch die Kriege und Katastrophen des Alten Testaments. Erst in der Vorwoche hatte Gott, aus Zorn über die mißratene Menschheit, fast seine komplette Schöpfung ersäuft. Begnadigt und per Arche gerettet wurde lediglich die fromme Familie Noah, dazu je ein Ehepaar der Tierwelt, zwecks Aufzucht einer besseren Erdpopulation. Eine abscheuliche Methode. Weshalb mußten Tiere für Menschensünden sterben? Warum Hirsch, Igel und Giraffe, doch nicht die Fische? Und wieso empfand der unfehlbar vollkommene Gott hernach Reue über die eigene Raserei? Denn nun beschloß er, nie wieder eine Sintflut zu schicken – nicht im Vertrauen auf humanen Fortschritt, sondern weil er seine Illusionen aufgegeben hatte. Die Menschen würden bleiben, wie sie waren: lasterhaft, machtbesessen, gottesfern. So kommt es, wenn man freie Wesen schafft.  (mehr …)

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