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„Wir können nicht leben ohne das Wort“
Rede Martin Niemöllers vor seiner Verhaftung

Zur kirchlichen Lage 1937 Niemöller

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Am Dienstag, den 29. Juni 1937 besuchte Martin Niemöller in Wiesbaden seinen alten Schulkameraden Ernst Königs, und hielt an diesem Tag drei Reden, die von Bekennermut und Unerschrockenheit gegenüber den Nationalsozialisten zeugten. Sie wurden mitstenographiert. Es waren seine letzten öffentlichen Auftritte, bevor er verhaftet und nach seiner Freilassung am 2. März 1938 als persönlicher Gefangener Adolf Hitlers ins KZ verschleppt wurde.

Einleitungstext der Mitschrift:

Auf Einladung der Bekennenden Kirche Wiesbadens sprach am 29. Juni Pastor Niemöller nachmittags 5 und abends 8.30 Uhr in der Marktkirche. Seine Ansprache knüpfte er an das Prophetenwort Sacharja 5,6: Es soll nicht durch Heer oder Kraft geschehen, sondern durch meinen Geist, spricht der Herr Zebaoth. Das ist gleichsam eine Antwort auf das, was wir soeben gebetet haben. Das ist gleichsam das Thema der Kirchengeschichte, seitdem wir von der Lage unserer Kirche zu sprechen uns gewöhnt haben. An diesem Gotteswort buchstabieren und lernen wir und sind doch immer noch nicht damit fertig geworden. Wir haben gemeint, unserer Kirche könnte geholfen werden, wenn die vorhandenen gesunden Kräfte lebendig gemacht und aufgerufen würden, wenn die eigenen Kräfte richtig angesetzt würden, dann würde es gelingen, die ins Wanken gekommene Kirche zu bauen. Wir haben gemeint, das wäre etwas, was wir da mit unserer Kraft erreicht hätten. Wir mussten dann entdecken, dass das ein Irrtum war.

Gott spricht: „Es soll nicht geschehen durch Heer oder Kraft, sondern durch meinen Geist.“ Die neue deutsch-evangelische Kirche bestand erst einige Monate, als Dinge passierten, die uns zweifeln ließen an dem, was wir geschaffen hatten. Wir waren bei unseren Bemühungen, die Lage zu meistern über das Nein Gottes hinweggeglitten. Es kam darauf an, dass in der einen oder 100 Kirchen seine Gedanken so gepredigt werden, dass Gott mit seinem Geist darin wirksam werden kann, und dass durch die frohe Botschaft von Nazareth Menschen gerettet und selig werden. Wir merkten 1933 schon, dass in der Predigt etwas nicht stimmte. Selbst der Reichsbischof Ludwig Müller, den wir schließlich hingenommen hatten, hatte gesagt, dass Bekenntnis und Evangelium nicht angetastet werden dürften. Derselbe Ludwig Müller, der heute noch Titel und Einkommen eines Reichsbischofs bezieht, hat unlängst in Hannover gesagt: Die Lehre von der Erbsünde muss weg. Lasst  Euch nicht bange machen vor dem jüngsten Gericht, es gibt gar kein ewiges Gericht Gottes, ich, euer Reichsbischof, sage das. Wenn eine Kirche so die Botschaft von Christo verkündigt und menschliche Gedanken für richtig hinstellt, dann ist das Auflösung und Zerstörung der Kirche, Gericht Gottes. Unser Gott aber duldet keine Götter neben sich, und der Herr Christus lässt sich seine Ehre nicht nehmen, dass er der Herr ist. Darum geht es in der Kirche, dass er der Herr ist.

Wenn wir heute von der kirchlichen Lage sprechen, stehen wir vor einem Trümmerfeld. Was wir 1933 aufgebaut haben, ist schneller zerfallen, als wir es aufgebaut hatten. Dies Trümmerfeld ist kein erfreulicher Anblick. Man kann ans Weinen kommen in Erinnerung an vergangene Zeiten. Heute geht es uns wie dem Propheten Jeremia, der auf den Trümmern Jerusalems stand und weinte. Es hat aber keinen Zweck, vor einer solch ernsten Lage die Augen zuzuhalten. Die evangelische Kirche, die die Kirche unseres Herrn Jesu sein wollte, die in der Reformation erst evangelische Kirche wurde, weil zur damaligen Zeit sich ein Mensch, nämlich der Papst, zum Herrn der Kirche machte, und diese Kirche, die die menschliche Herrschaft in der Kirche ablehnte, diese Kirche ist heute ganz und gar unter menschliche Herrschaft geraten. Früher war der König von Preußen der Summus Episcopus und ließ die Kirche durch einen Kultusminister verwalten, der an das Bekenntnis der Kirche gebunden war. Das war sicherlich nicht vorbildlich, aber hundertmal besser als heute.

Wer hat heute in der Kirche das einzige Wort zu reden? Die Leitung unserer Kirche befindet sich heute in Händen des Ministers für kirchliche Angelegenheiten, der nach dem Führerprinzip schaltet und waltet. Früher war der christliche Glaube die Grundlage des Staates, und es wäre unmöglich gewesen, dass ein Kultusminister im Königreich Preußen gleichzeitig ein bewusster Gegner Jesu gewesen wäre. Der Mann, der jetzt an der Spitze der evangelischen Kirche steht, macht kein Hehl daraus, dass das Bekenntnis zu Jesus, dem Sündenheiland, eine Nebensache sei und dass das Apostolische Glaubensbekenntnis, um das sich das Ringen in der Kirche abspielt, eine überholte Dogmengeschichte sei und keine Bedeutung mehr für die Kirche haben könnte. Das Apostolische Glaubensbekenntnis sei eine veraltete Konstruktion, die verschwinden müsse. Er ist der Meinung: Du sollst die göttliche Ordnung deiner Nation über alles stellen. Der Kirchenminister hat zu seinem Mitarbeiter einen Staatssekretär (Muhs!) berufen, der in Hannover schon seinen Austritt aus der Kirche angemeldet hatte. Als er zu diesem hohen Amt berufen wurde, hat er aber schleunigst seine Austrittserklärung wieder rückgängig gemacht. Dieser Staatssekretär aber setzt Pfarrer ein und ab, beruft Superintendenten und setzt sie auch wieder ab. Es ist nicht gleichgültig, wie der Mann, der die Kirche diktatorisch zu leiten berufen ist und davon Gebrauch macht, zu dem Bekenntnis zu Jesus von Nazareth steht und welche Haltung er zu Christen einnimmt. Die Verwaltung der Kirche lag früher in Händen kirchlicher Behörden, die aber den an Gottes Wort gebundenen Gemeinden  verantwortlich waren. Die Gemeinden konnten sagen: Wir wollen den und den Konsistorialpräsidenten nicht mehr.

Unsere Behörden sind heute auf Grund der unechten Kirchenwahlen von 1933 zu 80 bis 100 % von “Deutsche Christen” (DC) zusammengesetzt. Heute haben wir eine reine Bürokratie, deren Ämter nach politischen Gesichtspunkten besetzt worden sind. Bis vor einiger Zeit hatte man die Kirchenausschüsse als Mittelding zwischen Behörden und Ministerium geschoben. Der Reichskirchenausschuss ist längst zurückgetreten. Vor vier Wochen trat der Kirchenausschuss der Provinz Sachsen zurück, Grund: Dieser Ausschuss hatte einen neutralen Superintendenten in Nordhausen eingesetzt. Als die Einführung getätigt werden sollte, wurde sie von der Gestapo verboten und dieser Superintendent von Nordhausen ausgewiesen. Die Stelle wurde für einen DC frei gemacht.  Die Kirchenausschüsse haben in dem Augenblick nichts mehr zu sagen, wo der Kirchenminister anders will. Die Kirchenverwaltung muss einfach tun, was weltliche Mächte verlangen. Seit zwei Jahren befinden sich die Angelegenheiten unserer kirchlichen Finanzen in Händen staatlicher Behörden, die nicht mehr den Synoden verantwortlich sind, sondern allein dem Reichsministerium für kirchliche Angelegenheiten. Daraus ergibt sich, dass die Kandidaten, Vikare und Hilfsprediger, die nicht von der DC-Seite herkommen und durch unsere Bekenntnisseminare gegangen sind, aus den Finanzen der Kirchensteuern nicht mehr besoldet werden können, sondern dass die Bekenntniskirche diese Leute aus eigenen Mitteln bezahlen muss. Das (geht) schon (in die) Millionen, die da aufgebracht worden sind. Es gibt keine Synodalordnung mehr, keine Generalsynode, keine Gemeindevertretung mehr, die von der Kirchenleitung als solche anerkannt würden. In Wirklichkeit sind die Kirchensteuern nur noch verwendbar für deutsch-christliche und neutrale Angelegenheiten. Der Gemeinde ist die Vermögensverwaltung fortgenommen. Das ist die Lage der Kirche, die Objekt kirchenfremder Mächte geworden ist. Auf diesem Hintergrund muss die augenblickliche Lage der Kirche gesehen werden.

Am 15. Febr. 1937 kam der Erlass des Führers heraus, der uns freie Kirchenwahlen garantieren sollte. Wir hatten gehofft, dass dann wieder die christliche Gemeinde die Gestaltung ihrer Kirche tatsächlich in die Hand bekommen würde. Wir hatten viel Hoffnung auf dies Führerwort gesetzt, aber wir haben eine Enttäuschung nach der anderen erlebt. Seit dem Führererlass sind in der Bekennenden Kirche, die Jesus Christus als ihren Herrn haben will, erfolgt: 25 Redeverbote, 28 Ausweisungen von Pfarrern, 104 Verhaftungen, von denen 90 auf die letzten 14 Tage entfallen und von denen 60 noch aufrecht erhalten worden sind, darunter 20 Gemeindeglieder, die nicht Pastoren sind. Mit diesen Zahlen tue ich dar, wie groß die augenblickliche Belastung ist, die wir tragen (?). Das führt zum geistlichen Bolschewismus. (…). In der vorigen Woche ging eine Notiz durch die Zeitung mit der Überschrift „Aufforderung zum Ungehorsam“. Darin hieß es: Um unlauteren Gerüchten zuvorzukommen, melden wir, dass vom sogenannten Bruderrat der Bekennenden Kirche aufgrund eines Hafterlasses des zuständigen Gerichts wegen Aufforderung zum Ungehorsam gegen einen Ministerialerlass sechs Mitglieder verhaftet worden seien. Ein Pfarrer entzog sich durch die Flucht ins Ausland der Verhaftung. Ich habe sofort an den Justizminister geschrieben, dass mit dieser Verleumdung nur mein Freund Asmussen gemeint sein könne, der in Urlaub gefahren sei und bei dessen Abreise weder ein Haftbefehl noch eine Vorladung vorgelegen habe. Ich wies diesen Angriff auf die Ehre des evangelischen Pfarrers zurück. Der Leiter des Deutschen Nachrichtenbüros, bei dem ich vorstellig wurde, sagte mir, er könne nichts machen. Ich will noch bemerken, dass bei Erscheinen der Zeitungsnotiz nicht bloß sechs Verhaftungen vorgenommen worden waren, sondern 60. Vom letzten Samstag bis heute Montag sind 67 Verhaftungen erfolgt.

Worin besteht nun diese Verschärfung, die spitzen Pfeile der einflussreichen Leute, die glauben den christlichen Glauben beseitigen zu müssen? General Ludendorff hat gesagt, das deutsche Volk müsse von Jesus Christus erlöst werden. Diese Parole wird weit hinaus bis über die Ludendorffschen Kreise aufgenommen und Zeitungen (berichten?), dass der Zentralrat der russischen Gottlosen die Werke des Hauses Ludendorff in einer Auflage von 100.000 herauszugeben beabsichtige. Wenn die russischen Gottesleugner so klug sind, die Literatur des Hauses Ludendorff zu benutzen, so wissen wir, wohin der Angriff auf die Kirche geht. Der gegenwärtige Stoß geht in drei Richtungen:

1. Der Stoß richtet sich gegen die Jugend und den Nachwuchs. Es wird der Versuch unternommen zu verhindern, dass die Jugend noch die Botschaft von Jesus Christus zu hören bekommt. Es wird der Versuch gemacht, eine junge Theologenschaft heranzuziehen, die nicht mehr von der frohen Botschaft von Jesus redet. Der heutige Kirchenminister Kerrl erklärte am 23. Aug. 1935 bei Antritt seines Amtes offen: Wenn ich mit meinem Versuche, die Kirche in den Staat einzugliedern nicht durchkomme, kommt die Trennung von Kirche und Staat. Die Trennung wird aber nicht so erfolgen, wie Sie sich das vorstellen, sondern wir werden Ihnen das Kirchensteuerrecht nehmen. Darüber hinaus werden wir den gesamten christlichen Religionsunterricht in allen deutschen Schulen beseitigen. Das ist keine leere Drohung gewesen, wie einige meinten, sondern wir stehen heute in dem Ringen um den Rest des christlichen Religionsunterrichts in den Schulen. Das Zeitalter der  konfessionellen Schulen ist vorbei. Stellenweise sind ja wohl Abstimmungen gemacht worden, wie an der Saar und in der Pfalz. Aber bei uns in Berlin macht man es ohne Elternabstimmungen, indem man Sammelklassen einrichtet, wie man das schon vor dem Dritten Reich gemacht hat. Wir haben schon eine Schulart, die keinen Religionsunterricht mehr hat: die Adolf-Hitler-Schulen. Dort wird vergleichende Religionskunde durch Unterweisung in den Religionssystemen der großen Weltreligionen gegeben. Wie ernst die Drohung Kerrls gemeint ist, geht aus folgendem hervor: Die Württembergische Landeskirche legte ihren Etat der Regierung zur Genehmigung vor. Ihr wurde bedeutet, dass der wohl genehmigt würde, wenn die Kirche sämtliche Posten für Jugendpflege streichen würde. Minister Kerrl hat unmissverständlich zum Ausdruck gebracht: Es ist untragbar, dass den deutschen Kindern fernerhin beigebracht werden soll, Jesus sei ein Jude gewesen. Das klingt harmlos und doch liegt darin alles. Denn wenn ich meiner Jugend im Konfirmationsunterricht nicht mehr sagen darf, dass Jesus ein Jude, nämlich der von Gott verheißene (sic.!, Abrahamsamen?, L.B.) aus dem königlichen Geschlecht Davids ist, dass Jesus sich selbst (als) der verheißene Davidssohn genannt und bekannt hat, wisst ihr, was dann die Folge ist? Die Bibel ist nicht Gottes Wort, die Bibel ist ein Buch wie jedes andere Buch auch. Sage ich meiner Jugend, Jesus ist kein Jude gewesen, so sage ich damit, die Bibel Alten Testaments ist nicht Gottes Wort. Wer aber sagt, Jesus sei ein Arier gewesen, der hebt Gottes Wort im neuen Bund auf und verfälscht die Bibel und reißt den Grund ein, auf dem wir stehen: das Zeugnis Gottes von seinem Sohn. Man will eben, dass die Jugend nicht mehr mit der christlichen Lehre in Verbindung gebracht werden soll, der Jugend muss die christliche Verkündigung genommen werden. In dieser Richtung geht vor allem der Stoß.

Der 2. Stoß richtet sich gegen unseren theologischen Nachwuchs. In 20 Jahren sollen Pfarrer auf der Kanzel stehen, die nicht mehr von Jesus reden und predigen. Von 66 preußischen Theologieprofessoren sind 43 überzeugte Deutsche Christen und unter den weiteren 23 annähernd 20, die sich neutral nennen und auch deshalb nicht sagen, worauf es ankommt bei der Verkündigung. Diesen Lehrern die theologische Jugend anvertrauen heißt die Kirche verraten. Daher haben wir von der Bekennenden Kirche aus mit seminaristischen Kursen nachgeholfen. Vor vier Wochen sind diese Hochschulkurse verboten worden, und den Studenten ist eröffnet worden, dass sie von der Universität relegiert würden, d.h. dass sie nicht weiter studieren könnten. Vor einigen Wochen sind die ersten drei Studenten relegiert worden von der Universität Berlin. Über weitere 50 steht das Urteil noch aus. Dass die nicht besser wegkommen werden, geht aus folgendem hervor: Ich sollte der studentischen Jugend in unserem Gemeindehaus einen Vortrag halten. Freitag kam ein Mann von der Gestapo zu mir mit einem Schriftstück, das ich unterschreiben sollte. Ich lehnte das ab. Als der Vortrag dann steigen sollte, war unser Gemeindehaus von 20 Polizisten der Gestapo umstellt. Ich selbst wurde zum Alexanderplatz gebracht und dort vier Stunden festgehalten und dann wieder losgelassen. Es geht eben darum, die Jugend soll nicht mehr in lebendige Verbindung mit der Kirche gebracht werden. Der kommenden Generation soll nicht mehr die Botschaft von dem Sünderheiland, dass Jesus der Herr ist und kein Heil außer ihm ist, nahe gebracht werden.

Ein weiterer Stoß geht in folgender Richtung: Die Gemeinde und die ältere Generation soll gar nicht erfahren, wie ernst die Lage um den Nachwuchs steht. Ludendorff und auch andere Leute haben ein Interesse daran, dass es so aussieht, als wenn der christlichen Kirche gar keine Gefahr drohe. Es droht aber Gefahr, und das geht besonders aus einer Rede des Leiters des rassepolitischen Amtes Dr. Groß hervor, die er in München vor den Amtsärzten gehalten hat. Er erklärte: Es muss uns gelingen, den Begriff Sünde aus der Welt zu schaffen. Wenn ich den Begriff Sünde ausräume, dann werden die Gegner erschüttert. Gibt es keine Sünde mehr, dann stürzt das kirchliche Gebäude in sich zusammen. Früher stand der christliche Glaube noch unter gesetzlichem Schutz, und wenn früher eine amtliche Person sich so ausgelassen hätte, wäre gegen sie vorgegangen worden. Aber wir machen keinen Anspruch darauf, bevorzugt behandelt zu werden. Aber wenn in derselben Rede gesagt wird, das dürfe man natürlich nicht so öffentlich heraussagen, sondern (man müsse) den Leuten das so beibringen, dass es propagandistisch wirke, dann sieht das in der Praxis vielleicht so aus: Spreche ich über das Sterilisierungsgesetz, so muss ich nicht von der medizinischen Seite her sprechen, sondern von der ethischen. Ich muss triefender, christlicher, katholischer als der Pfarrer sprechen, dass die Leute nicht merken, was ich will, sondern des Glaubens sind, der will ja dasselbe wie ich auch. Das ist ungeheuerlich. Darum wollen wir die Gemeinde warnen, denn ihr soll auf die Dauer der Glaube genommen werden. Der Mann, der die Rede des Dr. Groß nachgeschrieben hat, sitzt im Gefängnis und der Berliner Pfarrer, der die Redewendungen des Dr. Groß veröffentlicht hat, sitzt seit zwei Monaten.

Nun zur Zeitungsnotiz betreffend Aufforderung zum Ungehorsam. Im Frühjahr gab der Reichsminister des Innern eine Verwaltungsanordnung heraus, wonach die Bekanntgabe der Kirchenaustritte von der Kanzel verboten wurde. Es erhebt sich die Frage, warum wird denn etwas verboten, was bisher möglich war? Die Männer der Kirche sind als Landesverräter diffamiert worden. Da hat sich kein Staatsanwalt aufgeregt. Warum regt man sich jetzt so auf, wenn die Kirche etwas bekannt gibt. Wir berufen uns auf das Wort des Führers, das er nicht einmal sondern mehrfach gegeben hat, dass in die Rechte und Lehre der evangelischen Kirche durch staatliche Maßnahmen nicht eingegriffen werden solle. Und dies Wort des Führers ist älter als die Anordnung des RMDI . In meiner Gemeinde wollte ein junger Mann aus der Kirche austreten, nur mit Rücksicht auf seine Mutter führte er den Entschluss nicht aus. Da wurde ihm gesagt: Deine Mutter erfährt gar nichts von deinem Austritt, der Pfarrer darf das gar nicht mehr von der Kanzel veröffentlichen. Es ist doch der christlichen Gemeinde nicht gleichgültig, wer ihr den Abschied gibt. So ein Austritt hat doch auch für den Betreffenden allerlei Folgen. Er kann nicht mehr kirchlich getraut noch beerdigt werden. Der preußische Bruderrat beschloss am 3. Juni 1937, die Kirchenaustritte weiterhin bekannt zu geben. Wegen der Bekanntgabe dieser Austritte werden sich in dieser Woche vor dem Berliner Schnellschöffengericht  acht oder neun Herren zu verantworten haben wegen Aufreizung zum Ungehorsam. Ein anderer Pfarrer hatte den zum Kirchenaustritt sich Anmeldenden einen Brief geschrieben, worin er sie auf die Folgen des Austritts aufmerksam machte. Er benutze das von den Kirchenbehörden früher benutzte Formular. Ihm ist jetzt verboten worden, solche Briefe an die Austretenden zu schicken. Allen diesen Eingriffen gegenüber halten wir uns an das Wort des Führers. Sollte es dazu kommen, dass die Brüder verurteilt werden, dann würden wir eben die Folgerungen ziehen, dass eben das Wort des Führers nur Geltung vorbehaltlich der ministeriellen Zustimmung hat. Wir können nur zu Gott beten, dass er diesen Männern die Augen öffne für das ungeheure Maß von Verantwortung, das sie mit diesen Dingen übernehmen. Ich habe auch dem Justizminister geschrieben, ob letzten Endes das gegebene Führerwort maßgebend ist, oder ob das feierlich gegebene Wort durch eine ministerielle Maßnahme geändert werden kann. Es würde enorme Rückwirkungen auf die allgemeine Volksgemeinschaft auslösen, wenn das wahr werden sollte. In der vorigen Woche war der Reichsbruderrat in der Friedrich-Werdärschen Kirche zusammengetreten, um zu beraten, was zu unternehmen wäre, wenn die für den 27. Juni geplante Kirchenwahl Tatsache werden würde. Plötzlich knarren die Kirchenschlüssel und 15 Polizisten der Gestapo treten herein und verhaften acht Personen und Mitglieder des Reichsbruderrats, und brachten sie nach dem Alexanderplatz. Wir Zurückgebliebenen haben die Sitzung weitergeführt und beschlossen, dass sich kein Christenmensch an der Wahl beteiligen solle, wenn sie Tatsache werde. Diesen Beschluss haben wir gefasst in Gemeinschaft mit der Luth. Kirche. Daraufhin sind die Kirchenwahlen schnell zurückgestellt worden. Ein großes Glück, denn was daraus geworden wäre, vermag ich nicht zu sagen. In Wermelskirchen sind Flugblattverteiler verhaftet worden. Durch die Verhaftung der leitenden Männer der BK haben wir praktisch keine Kirchenleitung mehr. Ein weiterer Angriff geht gegen die kirchliche Presse. Die Gemeindeblätter können nur dann gedruckt werden, wenn sie nicht deutlich sprechen von Dingen, die heute passieren. Wenn sie sagen, dass Jesus Christus allein der Herr sei, fühlen sie gar bald die Zensur.

Ein anderer Stoß (geht?) gegen die finanziellen Lebensmöglichkeiten der Bekennenden Kirche. Sie erhebt keine Kirchensteuer, sie muss ihre Prediger-Seminare selbst unterhalten und die Pfarrer und Vikare unterhalten. Da ist nun in der vorigen Woche ein Erlass herausgekommen, der alle solche Kollekten verbietet, die nicht von der Reichskirchenleitung festgesetzt worden sind. In einer kleinen Gemeinde in Westfalen und Ostpreußen sind solche Kollekten schon beschlagnahmt worden. Die Kollekten, die die staatlich anerkannten Behörden anweisen, gehen an die DC oder an die Neutralen. So hat sich die Gemeinde daran gewöhnt, ihre Gaben nicht mehr unbesehen auf den Teller zu legen, sondern sie fragt: Wofür opfern wir? In der BK hat das Kollektenwesen in den letzten Jahren einen ungeheuren Aufschwung genommen. Die Kollektenerträge haben sich vervierfacht, in meiner Gemeinde sogar verzehnfacht. In diese Situation hinein kommt jetzt der Erlass vom Kollektenverbot. Aber auch hier bewahrheitet sich wieder das Wort: „Es soll nicht durch Heer oder Kraft geschehen, sondern durch meinen Geist.“

Als ich meiner Gemeinde bekannt gab, dass ich an keine Gelder kommen könne, um die schleunigst wegen der geplanten  Kirchenwahlen einberufenen Vertreter zum Reichsbruderrat wieder mit ihren Reiseauslagen heimsenden zu können (für einzelne Vertreter betrugen die Kosten 50 bis 60 Mark), wurde eine Kollekte veranstaltet, die den Betrag von 2430 Mark ergab. Mit Hilfe dieser Kollekte konnte ich die ganzen Vertreter noch am selben Abend per Schlafwagen wieder nach Hause schicken.

Ich bin gefragt worden: Was soll werden, was sollen wir tun? Wir sehen mit unseren Augen keine Möglichkeit, um aus dem Gefängnis herauszukommen in die Freiheit der Kinder Gottes. „Es soll dennoch geschehen, weder durch Heer oder Kraft, sondern durch meinen Geist, spricht der Herr.“ Wir tragen selbst die Schuld. Wir hatten geglaubt, selbst etwas machen zu können. Wenn wir uns auf Gottes Wort besinnen, wird uns keine Macht der Welt ausrotten können. Die Kirche lebt nicht vom Wohlwollen der Menschen, sondern sie lebt vom Wort, das Gott mit uns geredet hat in der Verkündigung seines Wortes.

Liebe Freunde! Wir wollen den Kampf nicht aufgeben, sondern unser Recht auf Unterweisung der Jugend und Heranbildung des theologischen Nachwuchses nicht aus den Händen fahren lassen. Wir wollen in dem Ringen zutiefst uns gründen lassen auf das Fundament, auf das uns Christus gestellt hat. Aus all der Not und all dem Elend kann uns Gottes Wort wohl hinaustragen. Wir können an der Hand des Herrn Jesus gehen und brauchen keine Angst zu haben, wenn er uns durch tiefe Täler führt. Wir sind so lange nicht verloren, als wir uns an das Wort Gottes halten. Darum nehme ich dich beim Wort, lieber Heiland, du musst wahr machen, was du versprichst. So spricht heute die Kirche Jesus Christi. Wenn du glauben würdest, würdest du die Herrlichkeit des Herrn sehen. Die Kirche unseres Herrn wächst in unserem Volk. Die Opferbereitschaft hat bisher alles getragen, was nötig war. Ich bin gewiss, wenn uns die Kollekten genommen werden, wird uns soviel Geld gebracht werden, dass wir die BK finanzieren können. Wir sehen, wie die Gemeinde heimkehrt unter das Wort Gottes.

Die Angst drückt mich wohl, aber dennoch bleibe ich stets an dir, dennoch soll die Stadt Gottes fein lustig bleiben. Wenn es sein soll, können wir wohl ohne die Kollekten und ohne theologische Hochschulen leben, aber wir können nicht leben ohne das Wort, das uns unser Herr Christus gibt zu hören und zu verkündigen. Das heißt Bekennende Kirche, dass wir das Wort so hören und danach tun.

Mit der bloßen Anrede und Titulatur, dass Jesus Christus der Herr sei, ist uns nicht geholfen, sondern (es kommt darauf an) dass kein anderer Herr in der Kirche etwas zu sagen hat. Man muss Gott mehr gehorchen denn den Menschen. Vielleicht hat uns Gott in diese Lage hineingestellt, dass wir diese frohe Botschaft wieder lernen. Dieser Glaube ist der Boden, auf dem unser Glaube allein steht, der uns hält, der uns trägt und der uns von dem Verderben rettet. „Es soll durch meinen Geist geschehen, spricht der Herr.“ Wir haben vielleicht Zeiten vor uns, wo unsere evangelische Kirche unserem Volk einen Dienst tun kann. Nicht durch Heer oder Kraft geht es, sondern dass wir dann rechte Menschenkinder auf Erden sind, wenn wir unter Gottes Wort rechte Kinder Gottes geworden sind, damit der unheilvolle Zwiespalt beseitigt wird. Ein stolzer Mensch wird man nicht dadurch, dass man Gott den Abschied gibt, sondern dann ist man übermütig. Der demütige Mensch wird sich vor Gott beugen. Die christliche Kirche hat eine ungeheure Aufgabe. Nur dann geht’s recht, wenn wir unsererseits nicht den Rücken anderer beugen, sondern uns selbst vor Gott beugen. Ich fürchte mich vor Gott und seinem Wort, denn „es soll durch seinen Geist geschehen, spricht der Herr.“

(In der Nachmittagsversammlung hatte P. Niemöller darauf hingewiesen, dass ihm keine Zeit bliebe, seine Vorträge vorzubereiten. Mit drei Kandidaten müsse er versuchen, die Leitung der BK darzustellen und die Arbeiten zu bewältigen. Da kämen Kuriere aus den Provinzen, da müssten Rechtsanwälte für die Verhafteten gestellt werden, da müsste gesorgt werden, dass die Verhafteten Erleichterungen in ihrer Haft bekämen. Da langten die 24 Stunden des Tages manchmal nicht aus, um die Geschäfte zu bewältigen).

Dennoch dürfen wir in allem getrost sein. Wir kämpfen für unser gutes Recht. Wir kämpfen darum, dass unserer Jugend nichts genommen wird. Wir wollen unseren Nachwuchs nicht den DC-Fakultäten überlassen. Wir wollen gegen die Anregungen von Herrn Dr. Groß ankämpfen. Gottes Wort sagt: „Es soll nicht durch Heer oder Kraft geschehen, sondern durch meinen Geist.“ Wir wissen, der Geist kommt nirgends anders her als durch Wort und Sakrament. Es gibt keine andere Rettung als die, dass (?) Wort Gottes rein und lauter verwaltet wird.

Ich hoffe, dass ihr durch meinen Bericht erschüttert seid. Wenn ihr euch als Gemeinde nicht mehr um das Wort Gottes versammeln könnt, geht alles kurz und klein. Mag die Welt toben und wüten, mag unser Herz erzittern. Der Herr geht mit seiner Christenheit so um, um zu sehen, ob wir glauben können, ob wir uns an ihm genügen lassen wollen, ob wir sein Wort studieren wollen. Wir wollen uns von Jesu Hand fest halten lassen. Wenn du Glauben hättest, würdest du die Herrlichkeit des Herrn sehen. Wir sehen in aller Not und in allem Elend die Herrlichkeit Gottes, dass er uns nicht sitzen lässt. Wenn wir an seiner Hand über den Wassern gehen, fasst er uns fester. Gestern Abend erlebte ich, dass als Ergebnis dieser überraschend vorzunehmenden Kirchenwahl die Kirchenkollekte in meiner Gemeinde den Betrag von 750 Mark erbrachte. Wenn wir den „Herrn vor den Menschen bekennen“ kommt alles andere als Zugabe von selbst.

Der Vater gibt seinen Kindern, die sich auf ihn verlassen, alles, was sie brauchen. Wenn die BK unterdrückt wird, so wächst sie dennoch. Auch das ist Herrlichkeit Gottes in unseren Tagen. Wir müssen nur wünschen, dass dieses Wachsen und Stehen der Gemeinde in unserem lieben Volk die Meinung stärkt, dass die Kirche Jesu Christi dennoch eine Wirklichkeit ist.

Aus: Jahrbuch der Hessischen Kirchengeschichtlichen Vereinigung, Bd. 46, 1995, S.349ff.

Bei dem Redetext handelt es sich um eine auszugsweise Wiedergabe der Rede von Martin Niemöller in der Marktkirche zu Wiesbaden. Vervielfältigte Nachschrift, vermutlich verfaßt von Missionar i.R. Friedrich Müller, Wiesbaden-Bierstadt. Die Nachschrift wurde zum Zwecke einer besseren Lesbarkeit redaktionell bearbeitet.

Am 2. Marz 2005 wurde diese Rede anläßlich des „Martin-Niemöller-Tags“ von Martin-Niemöller-Stiftung un Ev. Dekanat in der Wiesbadener Marktkirche von dem Schauspieler Wolfgang Vater vorgetragen.