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„Wir brauchen eine neue Debatte über Nuklearwaffen, denn die Risiken steigen“

Volker Jung, Kirchenpräsident der EKHN, Angelika Claußen, Präsidentin der IPPNW Europa und Prof. Dr. Ulrich Gottstein, Mitbegründer der IPPNW (v.l.) bei der Unterzeichnung in Wiesbaden.
Volker Jung, Kirchenpräsident der EKHN, Angelika Claußen, Präsidentin der IPPNW Europa und Prof. Dr. Ulrich Gottstein, Mitbegründer der IPPNW (v.l.) bei der Unterzeichnung in Wiesbaden.

Persönlichkeiten aus Naturwissenschaften und evangelischer Kirche regen in der „Wiesbadener Erinnerung“ eine neue Aufklärung über Atomwaffen und Atomstrategie an.

Deutschland braucht jetzt eine informierte Debatte um Atom-Waffen. „Denn es gibt keine Sicherheit mit nuklearen Massenvernichtungsmitteln.“ Das stellen Persönlichkeiten aus der evangelischen Kirche und den Naturwissenschaften in einer „Wiesbadener Erinnerung“ gemeinsam fest. Sie unterzeichneten das Dokument am Mittwoch (29. Mai 2024) in Wiesbaden. Darin erinnern sie an bereits erreichte Einsichten und warnen vor der wachsenden Gefahr, die aktuell von nuklearen Waffen ausgehe. Deshalb bitten sie die Gesellschaft, die Bundesregierung und die Bundeswehr diese Debatte zu führen und dabei vier konkrete Handlungsoptionen zu prüfen. → Mitschnitt der Unterzeichnung hier abrufbar (Video 12 Min.)

Handlungsoptionen zur Verringerung der nuklearen Gefahr

Zum ersten könne sich Deutschland „für eine gesamteuropäische atomwaffenfreie Zone unter Einbindung Russlands einsetzen“. Sodann könne Deutschland mit den NATO-Verbündeten einen Fahrplan erarbeiten mit dem Ziel, die nukleare Teilhabe zu beenden. Drittens könne Deutschland dem Atomwaffenverbotsvertrag (AVV) beitreten. Zuletzt könne Deutschland die Atomwaffenstaaten nachdrücklich daran erinnern, ihre im noch gültigen Atomwaffensperrvertrag von 1970 erklärte Absicht endlich umzusetzen, „auf die nukleare Abrüstung gerichtete wirksame Maßnahmen zu ergreifen“. Die atomare Rüstungskontrolle sollte umgehend wieder aufgenommen werden. Offizielle Atomwaffenstaaten sind die USA, Russland, Frankreich, Großbritannien und China. Inoffiziell gehört dazu auch Indien, Pakistan, Israel und wohl auch Nordkorea.

Die „Wiesbadener Erinnerung“ knüpft damit an eine wenig bekannte, weil vertrauliche, doch historisch bedeutsame Begegnung führender Atomphysiker mit führenden evangelischen Theologen.

Theologisch-nuklearwissenschaftliches Spitzengespräch mit Langzeitwirkung

Vor 70 Jahren, am 9. Juni 1954, trafen sich in Wiesbaden drei damals führende deutsche Naturwissenschaftler, Carl Friedrich Freiherr von Weizsäcker (Philosoph und Friedensforscher), Otto Hahn (Chemienobelpreisträger, Entdecker der Atomsprengkraft) und Werner Heisenberg (Physiknobelpreisträger), mit den evangelischen Theologen Martin Niemöller (Kirchenpräsident der EKHN), Otto Dibelius (EKD-Ratspräsident) und Helmut Gollwitzer (Professor) zu einem vertraulichen Gespräch. Sie diskutierten unter dem Eindruck der Detonation der ersten Wasserstoffbombe (1. März 1954) über die technischen und ethischen Aspekte von Atomwaffen. Von diesem Gespräch gingen wesentliche Impulse für die Friedensbewegung und die Verteidigungspolitik der Bundesrepublik Deutschland aus. Denn die Beteiligten sprachen sich anschließend entschieden gegen eine atomare Bewaffnung aus. Die Physiker taten dies in der Göttinger Erklärung vom 12. April 1957. Die evangelische Kirche und andere drückten dies in verschiedenen Apellen aus. Im Laufe der Zeit wurde diese Haltung zum Allgemeingut und zur Grundlage der Sicherheitspolitik Deutschlands.

Die Unterzeichner*innen

In der Tradition dieses Gesprächs unterzeichnete Prof. Dr. Ernst Ulrich von Weizsäcker (Physiker, Mitglied des Club of Rome) die „Wiesbadener Erinnerung“. Für die Vereinigung „Internationale Ärzt*innen für die Verhütung des Atomkriegs“(IPPNW) unterzeichneten die Präsidentin der IPPNW Europa und Co-Vorsitzende der IPPNW Deutschland Dr. med. Angelika Claußen sowie der Mitbegründer der IPPNW Prof. Dr. Ulrich Gottstein. Für die EKHN unterzeichnete der derzeitige Kirchenpräident und Nachfolger Niemöllers Dr. Volker Jung. Für den Initiator, die Martin-Niemöller-Stiftung, unterschrieb deren Vorsitzender Michael Karg.

Karg: „Nukleare Waffen sind keine Waffen, sondern Massenvernichtungsmittel.

Der Vorsitzende der Martin-Niemöller-Stiftung Michael Karg zitierte die zentrale Erkenntnis, die Niemöller aus dem Theologen-Physiker-Gespräch vor 70 Jahren zog: „Nukleare Waffen sind keine Waffen, sondern Massenvernichtungsmittel. Sie dienen können keinem begründbaren Zweck mehr dienen. Sie können nur vernichten, am Ende die ganze Erde.“ Diese Erkenntnis, so Karg, drohe „in Vergessenheit zu geraten“. Deshalb erinnere die Stiftung nun daran: „Wir brauchen eine erneute Debatte darüber, denn die Risiken steigen.“

Claußen: „Wir werden euch nicht helfen können!“

Die Ärztin und Präsidentin der IPPNW Europa Angelika Claußen betonte „Ein Atomkrieg stellt die größte Katastrophe in der Menschheitsgeschichte dar. Er muss verhindert werden.“ Denn er verursache katastrophales humanitäres Leid. Claußen ergänzte als Medizinerin die Warnung: „Wir werden euch nicht helfen können!“ Sie wies dabei auf einen Aspekt hin, der „systematisch verschwiegen“ werde: Bereits ein regionaler Nuklearschlag würde einen atomaren Winter verursachen, der „zehn Jahre lang weltweite Hungersnöte“ auslösen werde. Deshalb fordert Claußen „zumindest den allseitigen Verzicht auf einen Erstschlag“ Das sei „so aktuell wie nie.“ Nuklearwaffen verursachten schon jetzt großes Leid durch die Folgen der 2000 Atomwaffenversuche, die es bereits gegeben habe. Sie forderte die Bundesregierung auf, „sich für die Unterstützung und Entschädigung der Überlebenden der Atomtests einzusetzen“.

Von Weizsäcker: „Verbrecherisch und falsch“

Prof. Dr. Ernst Ulrich von Weizsäcker, (Physiker und Mitglied des Club of Rome) bezeichnete wie bereits sein Vater, der an dem Gespräch vor 70 Jahren teilgenommen hatte, Atombomben an sich als „verbrecherisch und falsch“. Das sei damals „allen führenden Physikern in der ganzen Welt“ klargewesen und so sehe es auch heute die „Vereinigung deutscher Wissenschaftler“, deren Mitglied und zeitweiliger Vorsitzender Weizäcker ist. Benötigt würde „eine gemeinsam verabredete atomare Abrüstung, in allen Atomwaffenstaaten“. Das sei das Ziel des Atomwaffenverbotsvertrags. Dem, so forderte von Weizäcker, solle Deutschland beitreten.

Jung: Aus dem Christus-Glauben das NEIN zu Nuklearwaffen abgeleitet

Den Beitritt Deutschlands zum Atomwaffenverbotsvertrag habe bereits 1999 die Kirchensynode der EKHN gefordert. Daran erinnerte Dr. Volker Jung, Kirchenpräident der EKHN. Er zitierte zudem einen Satz seines Amtsvorgängers Martin Niemöller: „Ich bin seit 1954 theologisch etwas anderes als ich vorher war“. Im damaligen Gespräch mit den Physikern habe Niemöller die neue Qualität der Massenvernichtungswaffen in ihrer vollen Tragweite verstanden: „Der Mensch kann das Leben vernichten!“ Niemöller habe dazu aus seinem Christus-Glauben diese Haltung ableitet: „Ich höre ein klares Nein und weiß mich verpflichtet dieses klare Nein weiterzusagen, wem das gefällt oder nicht.“ Existenz und Einsatz dieser Waffen habe für Niemöller bedeutet „Gottes Gabe zu missbrauchen, Gottes Güte zu lästern und Gottes Ebenbild zu verraten“ Jung warnte: Angesichts neuer taktischer Waffen darf die Gefahr nicht verharmlost werden. Man müsse an ihren „Schrecken erinnern“.

Downloads

Wortlaut der Wiesbadener Erinnerung

Die Unterzeichnenden

Protokoll der vertraulichen Besprechung 1954

Drei Erklärungen gegen den Atomkrieg

Zitate von Otto Hahn, Werner Heisenberg, Martin Niemöller

Status der atomaren Rüstungskontrolle

Pressestimmen

Wiesbadener Kurier 2024-05-31

Resonanz der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN)

Bericht von IPPNW, Deutsche Sektion der Internationalen Ärzt*innen für die Verhütung des Atomkrieges/Ärzt*innen in sozialer Verantwortung e.V.

epd-Agenturmeldung auf evangelisch.de