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„Er hat eine helle Spur in unserem Dorf hinterlassen“

Die Martin-Niemöller-Stiftung und die Menschen in Peremoha trauern um Pfarrer Stefan Müller, der am 25. Februar 2005 ums Leben gekommen ist. Am Ende eines dreimonatigen Besuchs bei seiner Tochter und den Enkeln in Neuseeland ertrank er beim Baden im Meer.

Stefan Müller gründete den „Martin-Niemöller-Arbeitskreis in der DDR“ und engagierte sich seit vielen Jahren im Vorstand der Martin-Niemöller-Stiftung. Er war Initiator, Motor und Seele zugleich des „Projekts Peremoha“. In seiner Gedenkrede für Pfarrer Stefan Müller in der Ev. Thomas-Kirche in Erfurt am 26. März 2005 sagte Martin Stöhr u.a.:

„ Nach seiner Befreiung aus dem Konzentrationslager 1945 sind für Martin Niemöller drei Aufgaben wichtig: Wie gehen wir Deutschen mit der Schuld um, die wir in dem von uns angezettelten Vernichtungskrieg gegen das jüdische Volk und gegen unsere, vor allem östlichen Nachbarvölker auf uns luden? Wie folgen wir heute dem armen Mann von Nazaret nach, der in Millionen seiner Geschwister gedemütigt, vertrieben oder ermordet wurde und wird? Was tun wir in einer Welt, die es als eine gemeinsame Welt für alle nur einmal gibt, und die wir vernichten können, wenn wir weiter die modernen Massenvernichtungsmittel wie Krieg und Hunger als angebliche Naturereignisse hinnehmen oder fördern?

Stefan Müller gehört zu den wachen Menschen, die sich leidenschaftlich an diesen Aufgaben beteiligen. Weil er seine/unsere Vergangenheit kennt, arbeitet er für eine bessere Gegenwart und Zukunft. Das tut er in den Kirchengemeinden, in denen er als Pfarrer arbeitet, und im Diakonischen Werk. Das treibt ihn dazu, mit Freunden einen Martin-Niemöller-Arbeitskreis in der DDR zu gründen. So kommt er in Verbindung mit der Familie Niemöller und mit der Martin-Niemöller-Stiftung. So entdecken wir das im Krieg von deutschen Truppen niedergebrannte Dorf Jadliwka, das als Peremoha, als „Sieg“, gegen die Barbarei von den Überlebenden neu aufgebaut wurde. Im Schicksal dieses Dorfes und vieler verbrannter Dörfer begegnen wir Menschen, die zur Zwangsarbeit nach Deutschland deportiert worden waren, Menschen, die die Mordbrennereien der Wehrmacht überlebt hatten.

Mit der Martin-Niemöller-Stiftung wird Stefan Müller hierzulande zum Botschafter und Anwalt dessen, was geschehen war, was keineswegs vergangen ist. Noch leben Männer und Frauen in den Städten und Dörfern der Ukraine, tief verletzt, krank, ihrer Habe beraubt und leidend an den Folgen eines Krieges, den sie nicht angefangen hatten, der aber ihr Leben, ihre Familien und ihre Zukunft zerschlug. Im Gegensatz zur deutschen Industrie mit ihrem Millionenheer von unbezahlten und ausgepowerten Sklavenarbeitern profitieren sie nichts von diesem Krieg.

Stefan packt an. Er beteiligt sich weder am Verdrängen noch am Verharmlosen noch am Aufrechnen – wie es heutzutage so gern politisch und privat inszeniert wird. Er ist seit langen Jahren im Vorstand unserer Stiftung und im Alltag der Jahre die treibende Kraft, zu helfen. Er sammelt Hilfsgüter, organisiert Transporte, verteilt, wo etwas fehlt. Und es fehlt bis heute vieles. Die lebendigen Kontakte und Aktivitäten unserer Stiftung in Peremoha und zuhause zeigen das. Die Schule und der Spielplatz, das Krankenhaus und das Altenheim, jedes Haus in Peremoha werden und bleiben Einladungen zur Hilfe. Ein Gedenk- und Dankbrief der Gemeinde Peremoha, der uns gerade erreicht, erinnert voller Dankbarkeit an Stefans unvergessenes Wirken. Darin heisst es: „Stefan Müller hat für immer eine helle Spur in der Geschichte unseres Dorfes gelassen!“ So ist es. Das verpflichtet uns zur Weiterarbeit. Wir sind tief traurig, dass wir die gemeinsame Arbeit ohne ihn tun müssen.